Nach dem diesjährigen Thy Whisky Festival blieben meine Frau und ich noch für ein paar Tage im Norden Dänemarks. Ausnahmsweise hatten wir im Vorwege diesmal keine Brennerei-Besuche geplant, bis wir in Aalborg in einem sehr gut sortierten Whisky-Shop, Skovlund Vin & Spiritus mitten in der Stadt, über eine Abfüllung von der Nordisk Braenderi gestolpert sind. Kurzerhand nahm ich Kontakt zu Inhaber Anders Bilgram auf, der übrigens auch schon Thy gegründet hatte und viele Jahre für sie destilliert hat. Glücklicherweise fand sich ein Zeitfenster, in dem Anders uns in seiner Brennerei begrüßen und uns herumführen konnte. So machten wir uns an einem Freitagmorgen auf den Weg ins rund 45 Kilometer von unserer Ferienwohnung entfernte Fjerritslev, wo Anders neben Whisky auch Rum, Gin und andere Spirituosen herstellt. Ich kann schon vorab sagen, dass sich dieser Ausflug mehr als gelohnt hat, denn Anders ist ein wirklich sehr sympathischer Typ, der ganz nebenbei auch noch tollen Whisky herstellt.
Dienstag, 7. Juli 2026
Besuch bei der Nordisk Braenderi in Fjerritslev / Dänemark
Pünktlich um 09:30 Uhr rollten wir also auf den Hof und damit eigentlich entgegen unserer ursprünglichen Planung nicht einige Minuten früher, denn eine Straßensperrung, ein LKW und ein auf die Straße hoppelnder Hase, den wir glücklicherweise nicht erwischt haben, haben unseren 20-Minuten-Puffer komplett aufgebraucht. Wenn man das Hauptgebäude betritt, ist man dann schon mittendrin im Herzstück, denn man steht direkt vor der 500l-Brennanlage von Müller, die für die Herstellung von Whisky verwendet wird. Außerdem gibt es hier auf einer Empore eine gemütliche Sitzecke sowie unten einige Flaschen, die vor Ort erworben werden können. Kurz darauf begrüßte uns dann auch schon Anders ganz herzlich und der Rundgang durch die Räume konnte starten.
Anders erzählte uns zunächst ein wenig über die Historie der Brennerei und des Gebäudes, denn ursprünglich betrieb er im Haupthaus gemeinsam mit seiner Frau ein Bed & Breakfast, bevor dann ein Umbau stattfand, damit seine Frau sich eine Glasbläserei einrichten konnte, ein Handwerk, das in dieser Region Dänemarks durchaus verbreitet ist und Tradition hat. Anders berichtete uns außerdem von mehreren Reisen in die Arktik, die er in der Vergangenheit unternommen hat. Man merkt schon nach wenigen Minuten, dass man hier jemanden vor sich hat, der eine ganze Menge erlebt und viele spannende Geschichten zu erzählen hat. Er wusste dabei aber auch zu berichten, dass man bei solchen arktischen Reisen viel Zeit hat, um über Dinge nachzudenken. So reifte in ihm mehr und mehr der Gedanke, eine Whisky-Destillerie aufzubauen. Tatsächlich wäre er sogar der erste Whisky-Brenner Dänemarks gewesen, wenn seine Anträge sofort genehmigt und von ihm in die Tat umgesetzt worden wären. So war eine andere Brennerei, nämlich Stauning, etwas schneller, trotzdem zählt Anders zu den Whisky-Pionieren des Landes.
Nachdem seine Frau die Glasbläserei aufgegeben hatte, konnte Anders also seine Destillerie auf den Weg bringen, in der wir uns nun in einen der Nebenräume begaben. Dort steht der das kleine Geschwisterlein der großen Brennanlage, nämlich eine ebenfalls von Müller stammende 200l-Anlage, die allerdings nicht für die Produktion von Whisky verwendet wird, sondern für Brände und vor allem Gin. Wenn man dann ein paar Schritte weiter durch den Abfüllbereich geht, landet man direkt im Fasslager. Ungefähr zwei Drittel der dort lagernden Fässer in unterschiedlichen Größen enthalten Whisky, dazu kommen aber auch Rum und einige andere Spirituosen. Bevorzugt nutzt Anders Sherry-Fässer für die Reifung seiner Destillate, es kommen aber auch immer mal wieder andere Fassarten zum Einsatz. Gerne nutzt Anders auch die Möglichkeit, nach der Erstreifung in größeren Fässern ein Finish in einem kleineren Fass anzuschließen. Dabei ist der Whisky während der Reifung durchaus höheren Temperaturschwankungen ausgesetzt, denn während es im Winter relativ kalt werden kann, heizt sich das Gebäude mit dem schwarzen Dach in warmen Sommern sehr auf. So ist der Angels Share etwas höher als in Schottland und liegt in Abhängigkeit von Lagerort Fassgröße bei fünf bis sieben Prozent.
An diesem Ort ist es auch sinnvoll, noch einmal auf die Historie von Thy zurückzublicken, denn Anders hat Thy gemeinsam mit Nicolaj Nicolajsen gegründet und lange in der Nordisk Braenderi für Thy gebrannt. Das bedeutet auch, dass die Thy-Abfüllungen ungefähr bis zur ehemals noch durchnummerierten Abfüllung No. 15 aus den Anlagen von Anders stammt. Anders wurde allerdings seinerzeit ausgelöst, unterstützte Thy weiter, durfte aber seinen eigenen Whisky fünf Jahre lang nicht unter seinem eigenen Label verkaufen. Das hatte natürlich den Vorteil, dass er zwar weiterhin Geld verdienen konnte, seinem eigenen Whisky aber zunächst fünf Jahre Reifezeit geben konnte, ohne etwas verkaufen zu müssen. So war er zwar nicht in der Lage, andererseits aber auch nicht gezwungen, schon nach drei Jahren den ersten Whisky auf den Markt zu bringen.
Vom Fasslager ging es dann raus und über den Hof in eine Scheune, in der zunächst ein bunter Anhänger mit einer kleinen Brennanlage ins Auge fiel. Tatsächlich ist Anders mit dieser mobilen Brennanlage immer mal wieder für kleine Veranstaltungen unterwegs. Zwar darf er den auf der Anlage produzierten Gin, denn hierfür wird sie genutzt, nicht verkaufen, aber nach Veranstaltungen darf er den Gin an die Teilnehmer ausschenken bzw. diese dürfen ihn mit nach Hause nehmen. So gibt es zum Beispiel Destillierkurse am Waldesrand, bei denen die Teilnehmer selbst die Botanicals für den Gin sammeln, um in dann im Anschluss gemeinsam herzustellen. Außerdem gibt es hier eine große Anlage zum Mälzen, die ich so in dieser Form noch nie gesehen habe. In Form eines Silos steht dort eine Anlage, in die die Gerste eingefüllt und zu Malz verarbeitet wird. Einen klassischen Mälzboden gibt es nicht, aber es ist auch nicht ausgeschlossen, dass dieser in Zukunft noch eingerichtet wird.
Auf seiner Mälzanlage stellt Anders ungetorftes Malz her. Tatsächlich stellt er aber auch torfigen Whisky her, muss also auch mit getorftem Malz versorgt werden. Früher hat er dieses zugekauft, inzwischen kann er aber den Mälzprozess in seiner Anlage abbrechen und dann mit der Gerste in sein eigenes Kiln-Haus umziehen, in dem er getorftes Malz mit dänischem Torf herstellen kann. Der Torf bekommt er aus der Region, wo es weiterhin abgebaut werden darf, weil dies ununterbrochen seit über 100 Jahren der Fall war. In den Genuss eines Whiskys mit dänischem Torf werden wir aber kurzfristig noch nicht kommen, denn die jüngsten Tropfen, die mit Malz aus dem eigenen Kiln hergestellt wurden, liegen erst seit knapp einem Jahr im Fass. Die an den Prozess des Mälzen anschließende Fermentation fällt übrigens bei Anders sehr lang aus. Aufgrund der zwei Getreidesorten, die er verwendet, fermentiert er in der Regel zwischen einer und zwei Wochen, weil er gerne einen extrem fruchtigen Charakter erhalten möchte.
Nach dem kleinen Ausflug über den Hof ging es zurück ins Hauptgebäude, wo uns Anders nun erst einmal mit Kaffee und Wasser versorgte, um uns dann in den extrem gemütlichen Tasting-Bereich zu führen. Hier hatten wir Gelegenheit, uns noch ein wenig über Whisky in Dänemark, in Deutschland, Unterschiede und Gemeinsamkeiten und einfach über alle möglichen anderen Themen zu unterhalten. Dabei erzählte uns Anders auch, dass er inzwischen zu einem großen Anteil auch selbst angebaute Gerste für die Whiskyproduktion nutzen kann und so immer nach und nach zur Single Estate Distillery wird. Gleichzeitig konnten wir den tollen Ausblick aus dem Tastingraum über die dänische Landschaft bis hin zur Nordsee genießen. Das ist einer dieser Räume, in die man hineinkommt und sich sofort willkommen und wohlfühlt. Man setzt sich auf das gemütliche Sofa und möchte einfach bleiben. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir hier mal ein Tasting mit Anders erleben könnten, denn unter anderem bietet er hier auch Tastings an, bei denen er von seiner Expedition in die Arktis berichtet und dabei die verschiedenen Produkte seiner Brennerei vorstellt.
Das führt aber natürlich auch zu einem Problem, denn ein Bed & Breakfast gibt es auf dem Hof schon lange nicht mehr, öffentliche Verkehrsmittel sind hier eher nicht unterwegs und sich selbst nach einem Tasting noch ans Steuer zu setzen, ist keine Option. Tatsächlich hat sich Anders dafür sogar ein Gerät angeschafft, um den Atemalkohol seiner Gäste messen zu können, damit niemand mit mehr als den in Dänemark erlaubten 0,5 Promille als Fahrer den Hof verlässt. Wir hatten dieses Problem nicht, denn zwar habe ich an drei verschiedenen Abfüllungen mal schnuppern können, ansonsten bin ich aber beim Kaffee mit Schokolade geblieben, die Anders plötzlich auch noch auf den Tisch zauberte. Probieren durfte aber natürlich meine Frau, die durchaus sehr angetan war, vor allem vom aktuellen Fortrylleren (auf deutscher der Zauberer), einem sechs Jahre alten Whisky aus dem Sherry-Fass mit einem fruchtig-süßen Charakter. Diesen und zwei inzwischen bereits größtenteils vergriffene Abfüllungen werde ich aber in Kürze noch einmal ganz ausführlich an dieser Stelle vorstellen, denn Anders hat mich gut mit Kostproben versorgt.
Insgesamt muss man sagen, dass der Besuch bei Anders in der Nordisk Braenderi uns richtig viel Spaß gemacht hat. Anders hat uns vom ersten Moment an das Gefühl gegeben, herzlich in der Brennerei willkommen zu sein, und er hat sich richtig viel Zeit für uns genommen. Wenn wir das nächste Mal in der Region sind, kommen wir sehr gerne wieder vorbei. Und vielleicht klappt es ja tatsächlich mal mit einem Tasting vor Ort, wobei diese natürlich in der Regel in dänischer Sprache stattfinden. Wir werden also entweder Dänisch lernen müssen oder Anders überzeugen, mal ein Tasting in englischer Sprache zu halten. Zunächst aber werden wir noch längere Zeit mit Freude auf unseren Besuch in der Nordisk Braenderi zurückblicken!
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